Fahrwerke, Flugsteuerungen, Klimasysteme: Was bei modernen Luftfahrzeugen im
Verborgenen arbeitet, entsteht unter anderem bei Liebherr-Aerospace in Lindenberg im
Allgäu. Der Standort zählt heute zu den wichtigen Zulieferern für zivile und militärische
Programme – und blickt zugleich auf eine enge Verbindung zur Luftwaffe zurück. Bereits in
den Anfangsjahren nach der Gründung 1960 erhielt das Unternehmen Aufträge, unter
anderem zur Wartung und Reparatur von Flugzeugfahrwerken sowie zur Lieferung von
Ausrüstungen für die Lizenzfertigung der F-104G.
Heute entwickeln und fertigen am Standort Lindenberg über 2.800 Mitarbeiter Steuerungs-
und Klimatisierungssysteme für die Luftfahrt. Das Spektrum reicht von Bug- und
Hauptfahrwerken über Fly-by-wire-Systeme und Aktuatoren für Ruder und
Hochauftriebshilfen bis hin zu Belüftungssteuerungen und Enteisungsanlagen. Die
Komponenten finden sich in zahlreichen Programmen wie Airbus A220, A330 MRTT, A350,
A380 und A400M.
Auch an der Boeing 777X ist Liebherr beteiligt: Für die Integration und Erprobung des
Flügelenden-Klappmechanismus sowie der Antriebseinheit der Flügelvorderkanten wurde
eigens eine Tragflächenhälfte ins Allgäu geliefert. Insgesamt sind weltweit rund 30.000
Flugzeuge und Hubschrauber mit Liebherr-Technologie im Einsatz – statistisch startet jede
Sekunde eines davon.
Einen direkten Einblick in die Fertigung erhielt eine 25-köpfige Besuchergruppe des
Freundeskreises Luftwaffe e.V., Sektion München, unter Leitung von Dr. Klaus-Jürgen
Schmidt. Als Werksguide führte Frank Kügler, der über vier Jahrzehnte die Entwicklung des
Unternehmens begleitet hat, durch die Hallen.
Dort wurde deutlich, wie aus einem im Gesenk geschmiedeten Rohling durch aufwendige
spanabhebende Bearbeitung ein hochbelastbares Fahrwerksbein entsteht – am Ende mit nur
noch etwa 15 Prozent der ursprünglichen Masse. Bereits beim Materialeinkauf gelten
strengste Vorgaben nach nationalen und internationalen Luftfahrtnormen. Es folgen
umfangreiche Strukturtests, deren Belastungszyklen ein Flugzeugleben um ein Vielfaches
übertreffen.
Während große Teile der Bearbeitung automatisiert erfolgen, bleiben das filigrane Entgraten
und die Montage Handarbeit. „Für den Einsatz von Robotern sind die Stückzahlen zu gering,
außerdem kann eine Maschine das menschliche Feingefühl nicht ersetzen“, so Kügler.
Einen hohen Stellenwert haben zudem Qualitätskontrolle und Dokumentation. Gleichzeitig
rückt die Zukunft stärker in den Fokus: Liebherr will mit neuen Technologien zur
Dekarbonisierung der Luftfahrt beitragen. Additive Fertigung mittels selektivem
Laserschmelzen eröffnet zusätzliche Potenziale zur Gewichtsreduktion, während Künstliche
Intelligenz zunehmend bei der Lösung komplexer Aufgaben unterstützt.
Der Standort wird derzeit erweitert. Die Entwicklung ist Teil der fortlaufenden Anpassung an
steigende Anforderungen in der Luftfahrtindustrie.
Nach dem zweistündigen Rundgang klang der Besuch im ansprechenden Ambiente des
Werksrestaurants aus.
Text: Hans Pfefferle Redaktion: Petra Uhlherr
Foto: Frank Kügler / Liebherr